Aurelia V. Steiner
Cover: Tiefenschärfe – Eine Liebe am Rande der Welt
Roman · Kirgistan · 2026 · ca. 44.000 Wörter

Tiefenschärfe

Eine Liebe am Rande der Welt

Die Modefotografin Mei kann nicht mehr sehen: Durch ihren Sucher ist die Welt nur noch überbelichtet, seit eine toxische Beziehung ihr Vertrauen in das eigene Auge niedergebrannt hat. Eine Werbeanzeige am Flughafen Singapur schickt sie ans andere Ende der Welt – in ein Jurtencamp in den Bergen Kirgistans, zu Aizada, die Pferde führt, schweigen kann und nachts Rahmen aus Zirbelkiefer schnitzt. Zwischen Stille, Stuten und Sternenhimmel lernt Mei, das Licht wieder zu betrachten, ohne es einfangen zu müssen. Eine Liebesgeschichte über das Sehen und das Loslassen – und über die Goldene Stunde, die man nicht fotografieren kann.

Erotische Literatur · ab 18
Aus dem Buch
»Es ist eine Überbelichtung der Realität selbst, als hätte ich die Welt vierzig Sekunden lang belichtet statt vierzig Millisekunden.«Kapitel 1: Die Kamera findet kein Motiv
»Die Berge beginnen lange vor der Landung.«Kapitel 1: Die Kamera findet kein Motiv
»Das ist keine Nervosität. Das nennt man lebendig sein.«Kapitel 2: Die Stute ist nervös
»Die Stille legt sich über mich wie etwas Greifbares. Sie hat Gewicht.«Kapitel 3: Weißabgleich
»Ich bin bereit, das Licht zu betrachten, ohne den Zwang, es einfangen zu müssen.«Kapitel 3: Weißabgleich
»Stille. Diese Stille ist nicht leer. Sie ist prall gefüllt.«Kapitel 5: Langzeitbelichtung
Leseprobe

Aus Kapitel 1 – Die Kamera findet kein Motiv

Das ist unmöglich, und trotzdem wahr. Ich halte die Leica Q3 vor die Augen – das vertraute Gewicht an meinen Fingerspitzen, die kalibrierte Schärfe, die handwerklich perfekte Mechanik – und durch den Sucher flutet mir nur gleißende Überbelichtung entgegen. Das Terminal des Changi Airport entfaltet sich vor mir wie ein Kontaktabzug: hundert identische, glatte Graustufen, keine Tiefe, keine Textur, kein Grund, den Auslöser auch nur zu berühren.

Die Helligkeit stimmt nicht. Das ist nicht das Licht dieser Stunde, das milde morgendliche Licht, das Singapur um sieben Uhr durchflutet. Das ist etwas anderes. Es ist eine Überbelichtung der Realität selbst, als hätte ich die Welt vierzig Sekunden lang belichtet statt vierzig Millisekunden. Alles ist ausgebrannt. Details haben sich aufgelöst wie Zucker in Wasser.

Ich senke die Kamera und blinzle.

Das Terminal ist, wie es immer war. Glas, Stahl, Menschen mit Rollkoffern, die geordnete Routine des Wartens. Alles sichtbar, aber ohne Tiefe. Und doch: Als ich wieder hindurchschaue, dasselbe flache, tote Grau. Dasselbe ausgebrannte Nichts.

Ich drehe am Belichtungsrad. Eine Blendenstufe runter. Nichts. Zwei Stufen. Das Bild wird nur noch weißer. Ich stelle zurück auf die Standardwerte, die Werte, die seit Jahren funktionieren. Seit zehn Jahren, seit meinem ersten Auftrag bei der Vogue. Seit dem Moment, in dem Vivienne mich entdeckte und sagte: »Du hast ein Auge, Mei. Nicht viele Menschen haben dieses Auge.«

Vivienne. Nicht jetzt.

Ich verstaue die Kamera in meinem Rucksack und setze mich auf einen dieser Designer-Sessel – Metallgestell, Kunstleder, zu hart für Langzeitkomfort, so entworfen, dass niemand zu lange sitzt. Das ist Changi. Effizient. Rational. Eine Architektur der Ungeduld. Überall Bildschirme, und auf jedem Bildschirm läuft Werbung: Luxusuhren, Parfüm, Flüge nach Dubai, Flüge nach Bangkok, eine Anzeige für ein Retreat in Kirgistan. Digital Detox bei Nomaden, kosmische Berge, eine Jurte – ein Symbol für die heilende Leere.

Ich starre auf diesen Bildschirm.

Goldenes Licht der Jurte. Der Claim ist stilisiert, in einer breiten, modernen Schrift. Das Bild darunter zeigt eine Jurte vor einem tiefblauen Himmel, und dahinter erhebt sich das Massiv einer Bergkette, noch schneebedeckt, noch winterlich. Die Sonne scheint von links, und das Licht, das auf die weißen Filzbahnen fällt, ist exakt das, was die Anzeige verspricht: golden. Warm. Ein Licht, das nicht überbelichtet ist. Ein Licht mit Substanz. Mit Farbe. Mit einer Botschaft.

Wellness Retreat für Fotografen und bildende Künstler. Zwei Wochen. Yin-Yoga und Meditation. Mahlzeiten aus lokalen Zutaten. Nur analoge Kameras, keine digitalen Geräte nach Sonnenuntergang. Ein ganzheitlicher Ansatz zur Wiederherstellung der visuellen Sensibilität.

Ich lese den Text zweimal, was ich normalerweise nicht tue. Werbetexte sind für mich das, was Asche für die meisten Menschen ist: unbedeutend. Aber dieser Text ist anders. Nicht wegen seiner Qualität, sondern weil er so zielgerichtet wirkt. Es liest sich, als würde mich jemand kennen. Jemand, der bei mir war. Der neben mir stand und weiß, dass ich nicht mehr sehen kann.

Das ist verrückt. Solche Anzeigen werden millionenfach ausgespielt. Sie treffen jeden zehnten Betrachter einfach durch statistische Wahrscheinlichkeit. Und doch sitze ich hier, am Gate C42, mit meinem Rucksack und meiner kaputten Kamera, und starre auf das Versprechen einer Jurte, als würde sie für mich persönlich bereitstehen.

Neun Stunden Flug nach Istanbul. Vier Stunden Aufenthalt. Vier Stunden Flug nach Bischkek. Das ergibt ungefähr achtzehn Stunden Reisedauer, wenn man die Transfers einrechnet. Achtzehn Stunden, um die äußere Geografie neu zu ordnen. Ob das auch die innere Geografie neu ordnet, weiß ich nicht.

Ich denke an Vivienne. Das kann ich nicht verhindern. Denken ist für mich wie Atmen – automatisch, unbewusst, und manchmal schmerzhaft.

Sie war meine Art Directorin. Sie war älter, schärfer, hungrig nach Kontrolle. Und irgendwann zwischen den Shootings und den nächtlichen Diskussionen über Licht und Geometrie, zwischen ihrem »Du siehst die Dinge anders als andere Fotografen« und meinem Nicken, passierte etwas Stilles und Zerstörerisches. Sie brannte mein Vertrauen in mein eigenes Auge auf einen winzigen, flackernden Punkt nieder. Bis ich keinen Auslöser mehr drücken konnte. Bis das Licht überbelichtet aussah, egal, was die Kamera anzeigte.

Das war vor vier Monaten.

Der Bildschirm im Terminal zeigt jetzt andere Anzeigen. Kreditkarten. Ein Videospiel. Eine Serie über Diplomaten in New York. Die Jurte ist weg. Ich schaue noch dreißig Sekunden auf den Bildschirm, in der Hoffnung, dass sie zurückkehrt. Das ist irrational. Ich weiß das. Und doch hoffe ich.

Sie kommt nicht zurück.

Erotische Literatur · ab 18

Die folgenden Einblicke in Figuren, Szenen und Kapitel enthalten explizite Inhalte und richten sich ausschließlich an Erwachsene.

Das Begleitstück

Die Reise

Neun Stationen von Gate C42 in Singapur bis zur Goldenen Stunde im Hochtal – die Route des Romans auf der Karte, mit den Bildern der Reise zum Scharfstellen.

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Eckdaten
FormRoman
Erschienen2026
Umfangca. 44.000 Wörter
ISBN9783695617883
SpracheDeutsch
Empfehlungab 18 Jahren