
Tiefenschärfe
Eine Liebe am Rande der Welt
Die Modefotografin Mei kann nicht mehr sehen: Durch ihren Sucher ist die Welt nur noch überbelichtet, seit eine toxische Beziehung ihr Vertrauen in das eigene Auge niedergebrannt hat. Eine Werbeanzeige am Flughafen Singapur schickt sie ans andere Ende der Welt – in ein Jurtencamp in den Bergen Kirgistans, zu Aizada, die Pferde führt, schweigen kann und nachts Rahmen aus Zirbelkiefer schnitzt. Zwischen Stille, Stuten und Sternenhimmel lernt Mei, das Licht wieder zu betrachten, ohne es einfangen zu müssen. Eine Liebesgeschichte über das Sehen und das Loslassen – und über die Goldene Stunde, die man nicht fotografieren kann.
»Es ist eine Überbelichtung der Realität selbst, als hätte ich die Welt vierzig Sekunden lang belichtet statt vierzig Millisekunden.«Kapitel 1: Die Kamera findet kein Motiv
»Die Berge beginnen lange vor der Landung.«Kapitel 1: Die Kamera findet kein Motiv
»Das ist keine Nervosität. Das nennt man lebendig sein.«Kapitel 2: Die Stute ist nervös
»Die Stille legt sich über mich wie etwas Greifbares. Sie hat Gewicht.«Kapitel 3: Weißabgleich
»Ich bin bereit, das Licht zu betrachten, ohne den Zwang, es einfangen zu müssen.«Kapitel 3: Weißabgleich
»Stille. Diese Stille ist nicht leer. Sie ist prall gefüllt.«Kapitel 5: Langzeitbelichtung
Aus Kapitel 1 – Die Kamera findet kein Motiv
Das ist unmöglich, und trotzdem wahr. Ich halte die Leica Q3 vor die Augen – das vertraute Gewicht an meinen Fingerspitzen, die kalibrierte Schärfe, die handwerklich perfekte Mechanik – und durch den Sucher flutet mir nur gleißende Überbelichtung entgegen. Das Terminal des Changi Airport entfaltet sich vor mir wie ein Kontaktabzug: hundert identische, glatte Graustufen, keine Tiefe, keine Textur, kein Grund, den Auslöser auch nur zu berühren.
Die Helligkeit stimmt nicht. Das ist nicht das Licht dieser Stunde, das milde morgendliche Licht, das Singapur um sieben Uhr durchflutet. Das ist etwas anderes. Es ist eine Überbelichtung der Realität selbst, als hätte ich die Welt vierzig Sekunden lang belichtet statt vierzig Millisekunden. Alles ist ausgebrannt. Details haben sich aufgelöst wie Zucker in Wasser.
Ich senke die Kamera und blinzle.
Das Terminal ist, wie es immer war. Glas, Stahl, Menschen mit Rollkoffern, die geordnete Routine des Wartens. Alles sichtbar, aber ohne Tiefe. Und doch: Als ich wieder hindurchschaue, dasselbe flache, tote Grau. Dasselbe ausgebrannte Nichts.
Ich drehe am Belichtungsrad. Eine Blendenstufe runter. Nichts. Zwei Stufen. Das Bild wird nur noch weißer. Ich stelle zurück auf die Standardwerte, die Werte, die seit Jahren funktionieren. Seit zehn Jahren, seit meinem ersten Auftrag bei der Vogue. Seit dem Moment, in dem Vivienne mich entdeckte und sagte: »Du hast ein Auge, Mei. Nicht viele Menschen haben dieses Auge.«
Vivienne. Nicht jetzt.
Ich verstaue die Kamera in meinem Rucksack und setze mich auf einen dieser Designer-Sessel – Metallgestell, Kunstleder, zu hart für Langzeitkomfort, so entworfen, dass niemand zu lange sitzt. Das ist Changi. Effizient. Rational. Eine Architektur der Ungeduld. Überall Bildschirme, und auf jedem Bildschirm läuft Werbung: Luxusuhren, Parfüm, Flüge nach Dubai, Flüge nach Bangkok, eine Anzeige für ein Retreat in Kirgistan. Digital Detox bei Nomaden, kosmische Berge, eine Jurte – ein Symbol für die heilende Leere.
Ich starre auf diesen Bildschirm.
Goldenes Licht der Jurte. Der Claim ist stilisiert, in einer breiten, modernen Schrift. Das Bild darunter zeigt eine Jurte vor einem tiefblauen Himmel, und dahinter erhebt sich das Massiv einer Bergkette, noch schneebedeckt, noch winterlich. Die Sonne scheint von links, und das Licht, das auf die weißen Filzbahnen fällt, ist exakt das, was die Anzeige verspricht: golden. Warm. Ein Licht, das nicht überbelichtet ist. Ein Licht mit Substanz. Mit Farbe. Mit einer Botschaft.
Wellness Retreat für Fotografen und bildende Künstler. Zwei Wochen. Yin-Yoga und Meditation. Mahlzeiten aus lokalen Zutaten. Nur analoge Kameras, keine digitalen Geräte nach Sonnenuntergang. Ein ganzheitlicher Ansatz zur Wiederherstellung der visuellen Sensibilität.
Ich lese den Text zweimal, was ich normalerweise nicht tue. Werbetexte sind für mich das, was Asche für die meisten Menschen ist: unbedeutend. Aber dieser Text ist anders. Nicht wegen seiner Qualität, sondern weil er so zielgerichtet wirkt. Es liest sich, als würde mich jemand kennen. Jemand, der bei mir war. Der neben mir stand und weiß, dass ich nicht mehr sehen kann.
Das ist verrückt. Solche Anzeigen werden millionenfach ausgespielt. Sie treffen jeden zehnten Betrachter einfach durch statistische Wahrscheinlichkeit. Und doch sitze ich hier, am Gate C42, mit meinem Rucksack und meiner kaputten Kamera, und starre auf das Versprechen einer Jurte, als würde sie für mich persönlich bereitstehen.
Neun Stunden Flug nach Istanbul. Vier Stunden Aufenthalt. Vier Stunden Flug nach Bischkek. Das ergibt ungefähr achtzehn Stunden Reisedauer, wenn man die Transfers einrechnet. Achtzehn Stunden, um die äußere Geografie neu zu ordnen. Ob das auch die innere Geografie neu ordnet, weiß ich nicht.
Ich denke an Vivienne. Das kann ich nicht verhindern. Denken ist für mich wie Atmen – automatisch, unbewusst, und manchmal schmerzhaft.
Sie war meine Art Directorin. Sie war älter, schärfer, hungrig nach Kontrolle. Und irgendwann zwischen den Shootings und den nächtlichen Diskussionen über Licht und Geometrie, zwischen ihrem »Du siehst die Dinge anders als andere Fotografen« und meinem Nicken, passierte etwas Stilles und Zerstörerisches. Sie brannte mein Vertrauen in mein eigenes Auge auf einen winzigen, flackernden Punkt nieder. Bis ich keinen Auslöser mehr drücken konnte. Bis das Licht überbelichtet aussah, egal, was die Kamera anzeigte.
Das war vor vier Monaten.
Der Bildschirm im Terminal zeigt jetzt andere Anzeigen. Kreditkarten. Ein Videospiel. Eine Serie über Diplomaten in New York. Die Jurte ist weg. Ich schaue noch dreißig Sekunden auf den Bildschirm, in der Hoffnung, dass sie zurückkehrt. Das ist irrational. Ich weiß das. Und doch hoffe ich.
Sie kommt nicht zurück.

Mei Lin
Starfotografin aus Singapur. Nach einer toxischen Beziehung mit ihrer Art Directorin Vivienne leidet sie unter einem Burnout und einer kreativen Blockade.
»Das ist unmöglich, und trotzdem wahr.«
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Von einer ausgebrannten, kontrollsüchtigen Beobachterin zu einer Frau, die den Moment lebt, ihre Kamera ablegt und sich mutig gegen ihre Erpresserin wehrt.

Aizada
Pferdenomadin in den Bergen Kirgistans. Kam wegen ihres Mannes dorthin, der sie vor zwei Jahren für eine andere Frau verließ.
»Ich putze sie, weil sie dreckig ist.«
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Öffnet sich langsam für Mei, überwindet ihre Angst vor einem erneuten Verlassenwerden und lernt, wieder zu vertrauen.

Gulbara
Eine weise, ältere Frau, die das Geschäftliche des Retreats regelt. Sie webt traditionelle Teppiche und beobachtet alles sehr genau.
»Du putzt die Jurte wie für eine Braut.«
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Bleibt konstant die weise Beobachterin, greift aber aktiv ein, um Mei vor Viviennes Erpressung zu schützen.

Vivienne Marchant
Art Directorin und Galeristin aus Singapur und Berlin. Meis toxische Ex-Partnerin.
»Du hast ein Auge, Mei.«
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Von der allmächtigen Kontrolleurin in Meis Kopf zur besiegten, enttarnten Straftäterin.

Jurgen
Ein Mitarbeiter oder Helfer im Nomaden-Retreat. Er kümmert sich um die Routen und das Feuer.
»Vielleicht hat sie einfach Angst.«
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Statisch.

Clara
Eine französische Touristin, die vor einigen Jahren das Retreat besuchte. Sie verführte Aizada, versprach zu bleiben, reiste dann aber ab und beendete die Beziehung mit einer kalten SMS und kurzen Briefen.
»Nächsten Sommer komme ich wieder.«
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Statisch (nur in Rückblenden existent).

Artem
Fotoforensiker und ein alter Freund von Mei aus der Kunsthochschule. Er hilft Mei, Viviennes Erpressung juristisch zu kontern, indem er die digitalen Spuren sichert und die Staatsanwaltschaft einschaltet.
»Schick mir einen sicheren Link.«
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Statisch.

Sarah Müller
Mitarbeiterin der Berliner Fotogalerie. Eine Bekannte von Mei und Vivienne.
»Liebe Mei, ich bin mir nicht sicher, ob du das hier überhaupt sehen solltest...«
Spoiler zeigen
Statisch.










Kapitel 1Die Kamera findet kein Motiv
Mei Lin flieht vor ihrem Burnout und einer toxischen Vergangenheit aus dem sterilen Singapur. Ein spontaner Entschluss führt sie in die rauen Berge Kirgisistans, in der Hoffnung, ihren künstlerischen und inneren Fokus wiederzufinden.
Kapitel 2Die Stute ist nervös
Im abgelegenen Jurtencamp bereitet Aizada alles für den neuen Gast vor, während alte Verletzungen in ihr nagen. Die Ankunft eines roten Jeeps auf dem Bergpass kündigt eine Begegnung an, die ihre stoische Ruhe auf die Probe stellt.
Kapitel 3Weißabgleich
Die harte Realität der kirgisischen Berge trifft auf Meis städtische Gewohnheiten. In der Jurte, umgeben von fremden Gerüchen und goldenem Licht, verbringt sie ihre erste eisige Nacht unter einem schweren Yakfell.
Kapitel 4ISO 3200
Meis Sinne sind völlig überreizt, als wäre sie eine Kamera mit zu hoher Lichtempfindlichkeit. Ein stiller Spaziergang zu einem Gebirgsbach zeigt ihr die raue, ungefilterte Wahrheit der Natur, die sie so verzweifelt zu dokumentieren versucht.
Kapitel 5Langzeitbelichtung
Ein flüchtiger, stiller Moment in der Jurte weckt in Mei längst verloren geglaubte Gefühle. Die sanfte Berührung durch Aizada lässt sie erkennen, dass sie emotional noch nicht völlig erstarrt ist.
Kapitel 6Halfter
Aus Angst vor erneuter Verletzung zieht sich Aizada emotional zurück und flüchtet sich in harte körperliche Arbeit. Sie beschließt, Reitstunden als strikte Distanzmaßnahme zwischen sich und der Touristin zu nutzen.
Kapitel 7Tiefenschärfe
Bei einer anstrengenden Reitstunde muss Mei ihre Kamera zurücklassen und sich ganz auf den Moment konzentrieren. In der wilden Natur lernt sie, was es bedeutet, den Fokus auf das Wesentliche zu richten und den Rest verschwimmen zu lassen.
Kapitel 8Bokeh
Ein Ausflug zu einer verborgenen heißen Quelle bringt die beiden Frauen einander näher, als Aizada ihre Narben offenbart. Unter der Wasseroberfläche finden ihre Hände zueinander, und die Welt um sie herum verschwimmt in weichem Licht.
Kapitel 9Die Berge denken
Zwei Tage verbringen Mei und Aizada auf dem weiten Sommerweideland, wo sie die raue Schönheit der Landschaft lesen lernen. In einem kleinen Zelt teilen sie eine knisternde, unausgesprochene Intimität, die sie tief verbindet.
Kapitel 10Kontaktabzug
Beim Sichten ihrer Fotos erkennt Mei die Leere ihres alten Lebens und fasst einen befreienden Entschluss. Mit Gulbaras weisen Worten im Ohr beginnt sie, sich von ihrer toxischen Vergangenheit zu lösen und in der Realität zu erden.
Kapitel 11Gewitter
Ein heftiges Gewitter zwingt Mei und Aizada, unter einem Felsvorsprung Schutz zu suchen, wo die aufgestaute Spannung in einem verzweifelten Kuss gipfelt. Doch die unbändige Natur reißt sie jäh wieder auseinander.
Kapitel 12Unterbelichtung
Nach dem Kuss zieht sich Aizada völlig zurück, was Mei in eine tiefe, dunkle Verzweiflung stürzt. In der pechschwarzen Jurte fühlt sie sich, als hätte sich der Verschluss ihrer inneren Kamera für immer geschlossen.
Kapitel 13Die letzte Touristin
Geplagt von den Geistern ihrer Vergangenheit, ringt Aizada mit ihrer Angst vor einem erneuten Verlust. Erst Gulbaras eindringliche Worte brechen ihren Schutzpanzer auf und zwingen sie zu einer Entscheidung.
Kapitel 14RAW
Im goldenen Morgenlicht fallen endlich alle Barrieren zwischen Mei und Aizada. Sie entscheiden sich für die rohe, ungefilterte Wahrheit des Moments und erleben eine tiefe, befreiende Intimität.
Kapitel 15Entwicklerbad
Das zarte Glück des Morgens wird jäh zerstört, als eine bedrohliche Nachricht aus Meis Vergangenheit sie einholt. Die Schatten ihres alten Lebens greifen nach ihr und drohen, alles zu vernichten.
Kapitel 16Rauschen
Panisch will Mei fliehen, um Aizada vor den Konsequenzen ihrer Vergangenheit zu schützen. Doch eine weise Zurechtweisung lehrt sie, dass man dem Lärm des Lebens nicht entkommen kann, sondern sich ihm stellen muss.
Kapitel 17Sternenkarte
Unter einem eiskalten Sternenhimmel offenbart Mei ihr dunkelstes Geheimnis und die Erpressung, die über ihr schwebt. Anstatt sich abzuwenden, beansprucht Aizada sie mit einer wilden, trotzigen Leidenschaft.
Kapitel 18Belichtungszeit
Der Konflikt eskaliert, als die Drohungen aus Europa konkrete Formen annehmen. Mit unerwarteter Unterstützung wehrt sich Mei juristisch und erobert sich endlich ihre Autonomie zurück.
Kapitel 19Morgenlicht
Nach dem überstandenen Sturm erwachen Mei und Aizada in einem perfekten, friedlichen Morgenlicht. Mei macht ein letztes, ungeschöntes Porträt, das keinerlei Filter mehr benötigt.
Kapitel 20Goldene Stunde
Die Zeit des Abschieds ist gekommen, doch Mei verlässt die Berge verändert. Ein stummes Geschenk von Aizada erinnert sie daran, dass die wahren Bilder nicht auf Speicherkarten, sondern im Herzen bewahrt werden.
Die Reise
Neun Stationen von Gate C42 in Singapur bis zur Goldenen Stunde im Hochtal – die Route des Romans auf der Karte, mit den Bildern der Reise zum Scharfstellen.
»Tiefenschärfe – Eine Liebe am Rande der Welt«
Erschienen als E-Book bei Amazon.
Als E-Book bei Amazon kaufenRezensionsexemplare für Redaktionen und Blogs gern auf Anfrage: kontakt@aureliasteiner.com
| Form | Roman |
| Erschienen | 2026 |
| Umfang | ca. 44.000 Wörter |
| ISBN | 9783695617883 |
| Sprache | Deutsch |
| Empfehlung | ab 18 Jahren |















