Belichtungszeit
Ein Wiener Morgen
Wien im Oktober, eine Hotelbar an der Ringstraße. Er ist Astrophysiker und sucht beruflich nach Dingen, die man nicht sehen, nicht anfassen und nicht beweisen kann. Sie ist Investmentbankerin und bewertet alles – außer sich selbst. Aus einem Gespräch über Dunkle Materie und Risiko wird ein Vorwand: ein Fotoshooting, ein Hotelzimmer, eine Nacht und ein Morgen. Eine Novelle über Blende, Belichtungszeit und die Erkenntnis, dass das Beste im Kopf bleibt – weil kein Pixel speichern kann, was zwischen zwei Menschen wirklich geschieht.
»Ich beschäftige mich beruflich mit Dunkler Materie, also mit Dingen, die man nicht sehen, nicht anfassen und nicht beweisen kann.«Kapitel 1: Die Hotelbar
»Ich setzte mich neben sie. Nicht, weil ich mutig war. Sondern weil die Schwerkraft mich dort hinzog, und als Astrophysiker respektiere ich fundamentale Kräfte.«Kapitel 1: Die Hotelbar
»Wir bewerten auch Dinge, die wir nicht sehen können. Wir nennen es Risikoeinschätzung.«Kapitel 1: Die Hotelbar
»Es gibt Momente, in denen ein kluger Mensch nachdenkt. Pros und Cons abwägt. Risiken kalkuliert. Ich nickte. Sofort. Ohne eine einzige Synapse zu konsultieren.«Kapitel 1: Die Hotelbar
»Weil die Frau auf dem Bild mutiger ist als die Frau, die am nächsten Morgen in den Spiegel schaut.«Kapitel 2: Das Fotoshooting
»Sag mir, was du siehst. Ohne Kamera.«Kapitel 4: Die Vereinigung
Aus Kapitel 1 – Die Hotelbar
Ich hätte nach dem Vortrag über stellare Nukleosynthese ins Bett gehen sollen. Vernünftige Menschen tun das nach zehn Stunden Kongress. Vernünftige Menschen bestellen Kamillentee, checken ihre Mails, legen sich hin. Ich bin Astrophysiker. Ich beschäftige mich beruflich mit Dunkler Materie, also mit Dingen, die man nicht sehen, nicht anfassen und nicht beweisen kann. Vielleicht erklärt das, warum ich an diesem Abend nicht ins Bett ging, sondern in die Hotelbar.
Der Kongress lief seit drei Tagen. Dreihundert Physiker in einem Wiener Konferenzhotel, die meisten in Cordhosen, alle mit Kaffeeflecken auf den Namensschildern. Ich hatte in den letzten zweiundsiebzig Stunden vierzehn Vorträge gehört, sechs davon freiwillig. Der Rest war das, was man »kollegiale Präsenz« nennt und was in Wahrheit bedeutet: Man sitzt in einem abgedunkelten Saal und liest E-Mails auf dem Handy, während jemand an der Leinwand erklärt, warum sein Modell der Galaxienentstehung besser ist als alle anderen.
Der letzte Vortrag des Tages hatte von einem Kollegen aus Heidelberg gehandelt, der seine Folien in Comic Sans gesetzt hatte und dreißig Minuten lang erklärte, warum sein Modell der Dunklen Energie besser war als alle anderen. In der dritten Reihe schlief jemand ein. In der fünften Reihe aß jemand ein Brötchen. Ich saß in der siebten Reihe und malte Kreise auf meinen Notizblock und fragte mich, ob das hier wirklich der Beruf war, für den ich acht Jahre studiert hatte. Die Antwort war ja. Aber manchmal braucht man danach einen Drink.
Nach dem Applaus, der pflichtschuldig war und genau die richtige Länge hatte, um Höflichkeit zu signalisieren, ohne Begeisterung vorzutäuschen, stand ich auf, nickte ein paar Kollegen zu, wich dem Mann von der ETH Zürich aus, der mich seit zwei Tagen in ein Gespräch über Neutrino-Oszillationen verwickeln wollte, und nahm den Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Im Spiegel der Fahrstuhltür sah ich mein Gesicht, und es sah aus wie das eines Mannes, der dringend etwas brauchte, das nichts mit Spektralanalyse zu tun hatte.
Wien im Oktober. Draußen regnete es, ein feiner Sprühregen, der die Ringstraße in Lichtreflexe tauchte und die Fassaden des Imperial in etwas verwandelte, das nach einem Gemälde aussah, auf dem man nicht genau erkennen konnte, was dargestellt war. Aber drinnen war es warm, trocken, und die Hotelbar strahlte die Art von gedämpfter Behaglichkeit aus, die man mit Geld kaufen, aber nicht erzwingen kann.
Die Bar im Imperial sah aus, als hätte jemand eine Bibliothek mit einer Destillerie gekreuzt. Dunkles Holz, Messingbeschläge, hinter der Theke eine Wand aus Flaschen, die im Licht wie ein Periodensystem des Rausches funkelte. An den Tischen saßen Geschäftsreisende, die so aussahen, als hätten sie Geschäftsreisen erfunden und seien des Ergebnisses überdrüssig. Ein älterer Herr im Dreiteiler drehte bedächtig ein Weinglas zwischen den Fingern. Zwei Frauen in Kostümen lachten leise über etwas auf einem Handydisplay. Die Luft roch nach altem Leder und Zitronenzesten.
Über der Tür hing ein Spiegel, in dem ich mich kurz sah: Hemd aus der Hose, Haare, die in drei Richtungen wollten, und ein Gesicht, das aussah wie das eines Mannes, der zu lange in einen Bildschirm gestarrt hatte. Was auch stimmte. Ich fuhr mir durch die Haare, was die Situation nicht verbesserte, und wollte mich an einen leeren Tisch setzen.
Wollte.
An der Bar saß eine Frau, die sich bewegte, als gehöre ihr der Raum und alles, was darin war, einschließlich mir. Schwarzer Blazer, knapp über die Hüfte, der Stoff so geschnitten, dass er die Schultern betonte und gleichzeitig vermittelte, dass die Trägerin Konferenzen leitete und nicht besuchte. Darunter ein Rock, der eng genug war, um eine Meinung zu haben. Als sie den Barhocker bestieg, sah ich für den Bruchteil einer Sekunde den oberen Rand eines halterlosen Strumpfes, Spitze auf Haut, und ich vergaß, wo der leere Tisch war.
Ihr Gesicht: hohe Wangenknochen, dezentes Rouge, braunes Haar, halb hochgesteckt, halb in Locken, die sich selbständig gemacht hatten. Sie trug eine Brille mit dunklem Rahmen, die ihre Augen vergrößerte und ihrem Blick etwas gab, das zwischen Aufmerksamkeit und Urteil lag. Die Art Brille, hinter der man sich verstecken kann, wenn man will, und die Welt vermessen, wenn man muss. Als sie die Weinkarte studierte, bewegte sie die Lippen, lautlos, und ich konnte nicht sagen, ob sie las oder dachte oder beides. Ich setzte mich neben sie. Nicht, weil ich mutig war. Sondern weil die Schwerkraft mich dort hinzog, und als Astrophysiker respektiere ich fundamentale Kräfte.
Sie bemerkte mich, bevor ich den Barhocker erreicht hatte. Ein Blick über den Brillenrand, kurz, katalogisierend, und dann wieder zurück zur Weinkarte. Kein Lächeln, kein Stirnrunzeln. Eine Bestandsaufnahme, die eine Sekunde dauerte und in der sie vermutlich mehr über mich herausgefunden hatte als meine letzte Doktorandin in zwei Semestern.
Ich bestellte ein Bier, sie einen Cocktail, dessen Name mindestens drei Fremdsprachen enthielt. Der Barkeeper mixte mit der routinierten Eleganz eines Mannes, der seit Jahrzehnten Getränke für Menschen zubereitet, die glauben, die Auswahl ihres Cocktails sage etwas über ihre Persönlichkeit. (Tut sie. Nur nicht das, was sie denken.)
Ihr Name war Jasmin. Investmentbankerin bei einer Großbank, geschäftlich in Wien, irgendein Meeting über Portfoliobewertung, das am nächsten Tag stattfand und für das sie, wie sie sagte, »ohnehin schon alles wusste, was man wissen muss«. Das war kein Angeben. Sie sagte es mit der gleichen Beiläufigkeit, mit der ich gesagt hätte, dass die Sonne ein Stern ist. Ein Fakt, kein Verdienst.
Das erklärte den Blazer. Es erklärte nicht die Strümpfe, aber danach fragte ich nicht.

Florian
Florian ist ein vierzigjähriger Astrophysiker, der sich beruflich mit Dunkler Materie und stellarer Nukleosynthese beschäftigt. Er verbringt seine Zeit oft vor dem Computer, auf wissenschaftlichen Konferenzen oder an Teleskopen in Chile.
»Ich beschäftige mich beruflich mit Dunkler Materie, also mit Dingen, die man nicht sehen, nicht anfassen und nicht beweisen kann.«
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Er beginnt als distanzierter Beobachter, der sich hinter seiner Kamera und seinem Intellekt versteckt. Durch die Begegnung mit Jasmin lernt er, die Kontrolle abzugeben, im Moment zu leben und zu akzeptieren, dass die wertvollsten Erinnerungen nicht dokumentiert werden können.

Jasmin
Erfolgreiche Investmentbankerin bei einer Großbank in Frankfurt. Sie verbringt ihre Tage mit Portfoliobewertungen, Risikoeinschätzungen und Meetings.
»Der Unterschied ist, dass bei dir das Universum auf dem Spiel steht. Bei mir nur Geld.«
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Sie nutzt Florian anfangs als kalkuliertes Abenteuer, um aus ihrem Alltag auszubrechen. Im Laufe der Nacht öffnet sie sich emotional ein wenig (Gespräch auf dem Balkon), bleibt aber ihrer Philosophie treu, dass der Moment flüchtig sein muss. Sie nimmt die Speicherkarte an sich, um die Erinnerung rein und unbewertet zu halten.









Kapitel 1Die Hotelbar
Zwei Fremde, ein Astrophysiker und eine Investmentbankerin, entfliehen der Monotonie ihres Alltags in der gedämpften Atmosphäre einer Wiener Luxushotelbar. Ein scharfsinniger Wortwechsel über Dunkle Materie und Risikobewertung mündet in einer unerwarteten, elektrisierenden Herausforderung.
Kapitel 2Das Fotoshooting
Im schummrigen Licht einer oberen Lounge beginnt ein intimes Spiel um Kontrolle und Beobachtung. Die Linse der Kamera bietet nur scheinbaren Schutz, während die professionelle Distanz zwischen den beiden unaufhaltsam bröckelt.
Kapitel 3Champagner und Schaum
Die Rollen tauschen sich, als die Kamera den Besitzer wechselt und die Grenzen der Verletzlichkeit neu ausgelotet werden. In der Enge des Badezimmers fallen mit dem kalten Wasser auch die letzten Hemmungen.
Kapitel 4Die Vereinigung
Zurück im Schlafzimmer weicht die spielerische Distanz einer rohen, körperlichen Intensität. Ein Moment des völligen Kontrollverlusts lässt beide ihre sorgsam aufgebauten Schutzpanzer vergessen.
Kapitel 5Noch einmal
In der ruhigen Erschöpfung danach offenbaren sich unerwartete Geständnisse über Einsamkeit und Berechenbarkeit. Ein spielerischer Akt der Unterwerfung bricht für einen kurzen Moment das strenge Image der Bankerin.
Kapitel 6Drei Uhr nachts
Mitten in der Nacht auf einem kalten Balkon über den Dächern Wiens teilen zwei isolierte Seelen einen Moment seltener Verbundenheit. Die Weite der Stadt spiegelt die flüchtige Natur ihrer Begegnung wider.
Kapitel 7Das Beste bleibt im Kopf
Der Morgen bringt die unerbittliche Rückkehr in die Realität und die Erkenntnis, dass wahre Intimität sich nicht auf einer Speicherkarte festhalten lässt. Was bleibt, ist ein leeres Zimmer und eine unauslöschliche Erinnerung.
Die Dunkelkammer
Zwanzig Motive von der Hotelbar bis zum Wiener Morgenlicht – Bilder, die sich unter deinem Blick entwickeln wie Fotopapier unter Rotlicht.
»Belichtungszeit – Ein Wiener Morgen«
Erschienen als E-Book bei Amazon.
Als E-Book bei Amazon kaufenRezensionsexemplare für Redaktionen und Blogs gern auf Anfrage: kontakt@aureliasteiner.com
| Form | Novelle |
| Erschienen | 2026 |
| Umfang | ca. 16.500 Wörter |
| ISBN | 9783695617296 |
| Sprache | Deutsch |
| Empfehlung | ab 18 Jahren |



